Sie waren Künstler - nicht nur Opfer

Sie waren Künstler - nicht nur Opfer

Der Kapo hatte gute Laune an diesem kalten Wintertag im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau: "Wollt ihr euch wärmen?", fragte er Yehuda Bacon und die anderen Kinder und deutete auf die Gaskammer. Yehuda ging auf das Angebot ein. "Ich war ein neugieriges Kind", sagt er. "Ich wollte wissen, wie alles funktioniert, wie der Ort aussieht."

Er inspizierte alles ganz genau und bekam so einen Eindruck von dem sonst hermetisch abgeriegelten Ort. Er ließ sich von Mitgliedern des Sonderkommandos die Holzknöpfe an den Wänden erklären. Und er erkannte, dass die Löcher in den Duschköpfen nur Attrappen waren. Auf dem Dach durfte er die Luke öffnen, durch die das Gas geworfen wurde und blickte in den schwarzen Raum hinab.

Diese Bilder brennen sich im Gedächtnis des damals 14-Jährigen ein. Er hält diese Erinnerungen auf Papier fest - so detailliert und exakt, dass die Zeichnungen später beim Eichmann-Prozess 1961 als Beweismittel zugelassen werden.

Auschwitz und Ich

Bilder des Schreckens

Den Holocaust künstlerisch verarbeiten

Ein Besucher betrachtet die Werke in der Ausstellung "Der Tod hat nicht das letzte Wort" in Berlin © NDR.de Fotograf: Carolin Fromm

Noch bis zum 28. Februar sind die Werke Bacons und der anderen Künstler in Berlin zu sehen.

Bacon und seine Bilder stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, die im Bundestag anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung Auschwitz am 27. Januar eröffnet wurde. In der Ausstellung "Der Tod hat nicht das letzte Wort - Niemand zeugt für den Zeugen" werden Kunstwerke von Opfern, Ermordeten und Überlebenden des Holocaust gezeigt. Zur Eröffnung betonte Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth: "Diese Kunst wird die Zukunft noch prägen und muss sie prägen! Sie erzählt die Geschichte der Weitergabe." Die Ausstellung sei eine Dokumentation des Lebens und zeige die Kraft der Kunst.

Bacon, der selber auch zur Eröffnung nach Berlin gereist war, berichtete von seinem Antrieb, den Schrecken des NS-Terrors auf Papier zu bringen: "Ich wusste nicht, wie man so etwas erzählen kann, ohne den anderen in Schock zu versetzen. Dann begann ich zu zeichnen."

Welche Rolle kann die Kunst bei der Erinnerung spielen?

Nicht nur über der Ausstellung schwebt die Frage, wie wir uns künftig an den Holocaust im Allgemeinen und Auschwitz im Speziellen erinnern wollen, wenn auch die letzten Augenzeugen nicht mehr unter uns sind? Und welche Rolle kann die Kunst dabei spielen?

So werden in der Ausstellung auch - und das ist der entscheidende Punkt - Werke der nachfolgenden Generation, die der Kinder, Enkel und Erben gezeigt. Zeichnungen von Bacon hängen in Reichweite zu Bildern von Peter Kien. Dem Mann, der dem zwölfjährigen Yehuda in Theresienstadt das Zeichnen beigebracht hatte. Beide kamen nach Auschwitz, Kien starb, Bacon überlebte. Er ging nach Jerusalem, wurde Künstler und Lehrer an der Bezalel Akademie. Dort lehrte er Sigalit Landau das Zeichnen. Sie gilt heute als eine der weltweit einflussreichsten zeitgenössischen Künstlerinnen. Ihre Plastiken bilden einen spannenden Kontrast in der Ausstellung. Somit werden drei Generationen im Bundestag zusammengeführt. Sie alle eint die künstlerische Verarbeitung des Holocausts bis in unsere Gegenwart und sorgen so dafür, dass das Grauen nicht in Vergessenheit gerät.

Die Kunstwerke werden ergänzt durch kurze Filme, in denen Menschen, die zum Beispiel heute für die Gedenkstätte in Auschwitz arbeiten, einen Bezug zu dem Ort in der Gegenwart herstellen. Diese Statements, die gleichsam eine Führung durch das ehemalige KZ anbieten, hat der NDR im Rahmen des ARD-Projekts "Auschwitz und Ich" produziert.

Aus der Perspektive der Nazis lösen

Für den Kurator Jürgen Kaumkötter geht mit der Ausstellung ein kleiner Traum in Erfüllung. Lange hatte der Osnabrücker das Konzept gehegt. Seit über 15 Jahren beschäftigt sich der Kunsthistoriker mit der "Kunst der Katastrophe". Er wünscht sich, dass die Werke, die im unmittelbaren oder mittelbaren Einflussbereich des Nazi-Terrors entstanden sind, differenzierter wahrgenommen werden. "Bislang wird die Kunst rein historisch betrachtet, der künstlerische Aspekt wird komplett ausgeblendet." Damit blieben die Bilder Opferkunst und weiter nur aus der Perspektive der Nazis betrachtet, so Kaumkötter. "Die Besucher sollen aus der Ausstellung rausgehen und sagen, 'Mensch, das ist ein toller Künstler, der Yehuda' und nicht nur, 'Ach, was ist das für ein armer Mensch'."

Krakau und Yad Vashem sind die weiteren Stationen

Das macht seine Ausstellung möglich, denn sie präsentiert die große Vielfalt der Künstler. Sie zeigt die schlichten Alltagsszenen aus dem KZ, die zarten Porträts der Häftlinge gegenüber den mit Symbolik und Metaphern aufgeladenen Bildern aus der Nachkriegszeit. Sie zeigt die Schaffenskraft und Kreativität von Künstlern, die der Nazi-Terror nicht auslöschen konnte.

Die Ausstellung ist mittlerweile - erweitert und ergänzt - in Krakau zu sehen. Sie rückte damit näher an den Ort des Grauens: Die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau ist nur wenige Kilometer entfernt. Nach ihrer Zeit in Krakau zieht die Ausstellung weiter in die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Infos zur Ausstellung

Die Ausstellung kann nach den Zutrittsbedingungen des Deutschen Bundestages nur nach vorheriger Anmeldung besichtigt werden.

28. Januar bis 27. Februar 2015

im Paul-Löbe-Haus, Eingang West, Konrad-Adenauer-Straße 1, 11011 Berlin

Mo 9 bis 15 Uhr
Di bis Do 9 bis 16 Uhr
Fr 9 bis 13 Uhr

Telefon: +49 30 227-38883
E-Mail: info-ausstellungen-plh@bundestag.de
Mehr Infos auf der Webseite der Ausstellung

Stand: 18.05.15 16:46 Uhr