Auschwitz - Geschichte einer Todesfabrik

Geschichte

Auschwitz - Geschichte einer Todesfabrik

von Oliver Diedrich, NDR.de

Rudolf Höß ist 39 Jahre alt, als er 1940 Lagerkommandant von Auschwitz wird. Der erklärte Tier- und Naturfreund sollte nach dem Willen seiner Eltern eigentlich Priester werden. Doch Höß macht Militär-Karriere. Die Deutschen hatten damals Polen besetzt, in Oświęcim im Süden des Landes soll Höß ein Konzentrationslager aufbauen. Der SS-Hauptsturmführer geht mit Ehrgeiz an die Arbeit. Unter seinem Kommando entsteht bald ein grauenvoller Ort. Bis 1945 sterben mindestens 1,1 Millionen Menschen in Auschwitz, die meisten von ihnen Juden, die gleich nach ihrer Ankunft vergast werden. Andere werden erschlagen, erschossen, zu Tode gefoltert. Sie müssen arbeiten, bis sie tot umfallen oder sie verhungern. Auschwitz wird zur "Todesfabrik" der Nationalsozialisten.

Auschwitz und Ich

Deportation in die Gaskammer: Bilder aus dem KZ

Vom Arbeitslager zur "Endlösung"

Der Befehl, ein ehemaliges Kasernengelände in Oświęcim zum KZ umzubauen, kommt am 27. April 1940 von Heinrich Himmler. Der SS-Chef ist in Adolf Hitlers Reich zuständig für die rasch wachsende Zahl der KZ. Ursprünglich ist Auschwitz als Arbeitslager für politische Gefangene aus Polen gedacht. Doch im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wird es bald zum Sammel- und Tötungslager für Kriegsgefangene aus Russland. Es wird zu einem Industriestandort mit angegliederter Sklavenhaltung. Und bald wird Auschwitz für die Nazis auch der wichtigste Ort ihrer "Endlösung der Judenfrage".

Kriminelle aus Deutschland bewachen polnische Führung

Die Opfer von Auschwitz

Ihre Zahl lässt sich nur schätzen. Viele Deportierte wurden in Auschwitz nicht registriert, sondern gleich vergast und verbrannt. Nach dem Krieg vermutete man zunächst 2,5 bis 4 Millionen Tote, da die Nazis die Zahlen offenbar selbst übertrieben hatten. Heute gehen Forscher davon aus, dass mindestens 1,3 Millionen Menschen nach Auschwitz deportiert wurden. 1,1 Millionen von ihnen starben. Etwa eine Million der Getöteten waren Juden. Außerdem kamen mindestens 70.000 Polen, 21.000 Roma, 14.000 sowjetische Kriegsgefangene sowie 10.000 Tschechen, Belarussen und andere Opfer ums Leben.

Zu Beginn seiner Errichtung ist das Lager für 10.000 Häftlinge geplant. Erbauen und erweitern müssen es die Inhaftierten selbst. Zunächst verschleppen die Nazis Polen nach Auschwitz: Menschen, die angeblich für den Untergrund arbeiten, Priester, Akademiker. Die Haft- und Arbeitsbedingungen sind von Anfang an unmenschlich. Von den 20.000 Polen, die in der ersten Phase im Lager eingesperrt werden, sind nach nicht einmal zwei Jahren mehr als die Hälfte tot. Doch einige wenige Häftlinge aus dieser Zeit werden sogar wieder in die Freiheit entlassen.

Die allerersten Gefangenen, die Mitte 1940 in Auschwitz ankommen, sind allerdings Kriminelle aus dem KZ Sachsenhausen in Deutschland. Sie dienen als sogenannte Kapos. Das sind KZ-Aufseher, die die SS immer wieder aus den Reihen der Gefangenen aussucht. Sie sollen "Ordnung" schaffen und erhalten dafür Vergünstigungen. Viele Kapos drangsalieren mit äußerster Brutalität ihre Mithäftlinge.

Das "System" KZ

Rudolf Höß hatte als SS-Offizier bereits in Dachau und Sachsenhausen KZ-Erfahrungen gesammelt. Auschwitz "funktioniert" anfangs genauso: Die Gefangenen sind ständigem Terror ausgesetzt. Sie wissen oft nicht, warum sie inhaftiert sind, wie lange sie bleiben müssen, ob sie je wieder herausdürfen. Sie sind zusammengepfercht, müssen härteste Arbeit verrichten, bekommen zu wenig Nahrung. Und sie sind der Willkür ihrer Wärter ausgesetzt. Es gibt in Auschwitz ein eigenes Gebäude für Strafaktionen, Verhöre und Exekutionen: Block 11. Gefangene hängen dort derart gefesselt am Dachbalken, dass ihnen die Schulterknochen brechen. Ihre Peiniger prügeln sie blutig, um ihnen "Geständnisse" abzupressen. Auch Todesurteile durch Verhungern werden vollstreckt.

Russische Kriegsgefangene

Mit dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion im Juni 1941 ändert sich die Struktur Auschwitz' erheblich. Die Nazis verschleppen Kriegsgefangene in das Lager, die als Polit-Kommissare gelten. Sie werden so brutal misshandelt und schlecht versorgt, dass viele von ihnen bald sterben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten SS-Leute und Kapos bereits etliche Häftlinge ermordet und exekutiert. Doch nun beginnt eine planmäßige und massenhafte Tötung. Im September 1941 verwenden die Nazis dabei erstmals das Giftgas Zyklon B, ein Mittel zur Ungeziefervernichtung.

Die industrielle Verwertung der Häftlinge

Ankunft an der "Judenrampe"

"Die Deutschen schlugen die Menschen gleich bei ihrer Ankunft, um sich auszutoben, aus Grausamkeit und auch, damit wir uns verloren fühlten und umstandslos aus purer Angst gehorchten. Das habe ich getan, aber als ich mich umdrehte, um nach meiner Mutter zu sehen, war sie nicht mehr da. Ich habe sie niemals wiedergesehen. Weder sie noch meine jüngeren Schwestern Marcia und Marta. Wir gingen vorwärts wie Automaten, die auf Schreie und Befehle reagieren."
Erinnerungen des Gefangenen Shlomo Venezia

Schon Monate vor dem Angriff auf die Sowjetunion war klar geworden, dass Auschwitz sich größer entwickeln würde als ursprünglich geplant. Ende 1940 beschließt das Unternehmen IG Farben, der größte Chemiekonzern der Welt, den Bau eines neuen Werkes für synthetisches Benzin und Gummi. Die Standortwahl fällt auf Auschwitz. Dort gibt es gute Bahn-Anbindungen, Rohstoffe und massenhaft günstige Arbeitskräfte: Die NS-Führung verspricht dem Unternehmen Zwangsarbeiter. Der Bau des Nebenlagers Monowitz beginnt 1941. Insgesamt entstehen im Lauf der Zeit 47 Auschwitz-Nebenlager und Außenkommandos, um Bergwerke, Industrieanlagen und landwirtschaftliche Betriebe mit Arbeitssklaven zu versorgen.

Wie in anderen deutschen KZ finden auch in Auschwitz gezielt medizinische Versuche mit Insassen statt. Besonders berüchtigt wird der Arzt Josef Mengele. Er tötet bei seinen Experimenten zahlreiche Menschen. Mengele lässt zum Beispiel eineiige Zwillinge mit Typhusbakterien infizieren. Für seine Versuche amputiert er Gefangenen Glieder, schneidet Organe aus ihren Körpern oder tötet sie.

Birkenau: Von der Rampe in den Tod

Tod in der Gaskammer

"Zuerst kamen die Frauen mit den Kindern hinein, hernach die Männer. Die Tür wurde schnell zugeschraubt und das Gas in einen Luftschacht geworfen. Durch das Beobachtungsfenster konnte man sehen, dass die dem Einwurfschacht am nächsten Stehenden sofort tot umfielen. Die anderen fingen an zu taumeln, zu schreien und nach Luft zu ringen. Das Schreien ging bald in ein Röcheln über, und in wenigen Minuten lagen alle. Eine halbe Stunde nach dem Einwurf des Gases wurde die Tür geöffnet und die Entlüftungsanlage eingeschaltet. Den Leichen wurden nun durch das Sonderkommando die Goldzähne entfernt und den Frauen die Haare abgeschnitten. Hiernach wurden sie durch den Aufzug nach oben gebracht vor die inzwischen angeheizten Öfen."
Erinnerungen von Lagerkommandant Rudolf Höß

Im Herbst 1941 entsteht das Außenlager Birkenau. Es wird das größte des Gesamtkomplexes - und bald auch das größte aller Vernichtungslager der Nazis. Dorthin bringen sie die Juden, die sie aus Europa "austilgen" wollen. Im Frühjahr 1942 entsteht die erste Gaskammer, das "rote Häuschen", an einer abgelegenen Stelle des Lagers. Die anderen Häftlinge sollen die Todesschreie nicht hören. Später sind mehrere Kammern und Krematorien gleichzeitig in Betrieb, täglich rollen mehrere Züge voller Menschen ein. Viele Neuankömmlinge in Birkenau werden direkt von der "Judenrampe", wie die Nazis den Bahnsteig nennen, in die Gaskammer geführt. Es sind vor allem Frauen und Kinder und alte oder schwache Männer, die sich aus Sicht der SS nicht als Arbeitssklaven eignen.

Etwa eine Million Juden sterben bis 1945 in den Lagern von Auschwitz. Ihren Höhepunkt erreicht die Mordmaschinerie 1944, als die bevorstehende deutsche Kriegsniederlage der Nazi-Führung längst bewusst ist. Innerhalb von zwei Monaten werden mehr als 400.000 Juden aus Ungarn nach Auschwitz verschleppt.

Grausame Rache für Ausbruchsversuche

Im Lager gibt es immer wieder Ausbruchsversuche. Doch nur wenige gelingen - die besten Chancen haben Häftlinge, die in Außenkommandos arbeiten. Die Nazis nehmen dafür grausame Rache. Sie lassen Familienmitglieder und Freunde der Ausbrecher hinrichten oder töten wahllos andere Insassen. Viele Häftlinge werfen sich aus Verzweiflung gegen die mit Starkstrom tödlich geladenen Stacheldrahtzäune des Lagers.

Soweit bekannt, gibt es nur einen einzigen bewaffneten Aufstand: Im Oktober 1944 gehen einige Dutzend Gefangene auf ihre SS-Bewacher los. Mit selbst gebauten Granaten versuchen sie, die Krematoriumsgebäude zu zerstören. Doch nach einigen Stunden schlagen SS-Einheiten die monatelang vorbereitete Aktion nieder. 451 Häftlinge werden sofort hingerichtet.

Die Befreiung

Ein sowjetischer Militärarzt untersucht kurz nach der Auschwitz-Befreiung einen bis auf die Knochen abgemagerten Häftling aus Wien. © dpa - Bildarchiv

Am 27. Januar 1945 befreien russische Soldaten Auschwitz. Die verbliebenen Häftlinge sind so geschwächt, dass viele trotzdem noch sterben.

Das Grauen endet erst am 27. Januar 1945 mit dem Einmarsch der Roten Armee. Vorher hatten die Deutschen in einer einzigen Nacht noch 10.000 Gefangene ermordet und Gaskammern und andere Beweise ihrer Taten zerstört. Zehntausende transportfähige Überlebende schicken sie auf Todesmärsche in den Westen. Etwa 7.000 Häftlinge befinden sich bei der Befreiung noch in Auschwitz. Viele überleben die Rettung nicht lange. Sie sind so geschwächt, dass ihnen niemand mehr helfen kann.

Höß endet am Galgen - in Auschwitz

NS-Anführer wie Hitler, Himmler und Göbbels nehmen sich gegen Kriegsende oder wie Göring in der Gefangenschaft das Leben. Adolf Eichmann, einer der Hauptorganisatoren des Holocaust, wird erst später gefasst und schließlich 1962 in Israel hingerichtet. Auch Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß kann nach dem Krieg untertauchen. Doch am 11. März 1946 spüren ihn britische Militärpolizisten in der Nähe von Flensburg auf. Höß kommt in Polen vor Gericht, er wird zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung findet am 16. April 1947 statt, an einem Galgen in Auschwitz.

Eine Jüdin in Deutschland - 30 Jahre nach Auschwitz

"Ich sah, wie Neonazis ihre Flugblätter verteilten, wie sie auf Gegner einschlugen. Ich sah, wie die Polizisten daraufhin die Antifaschisten verhafteten. Das war zu viel für mich. Die Polizisten schützten die Nazis. Ich sagte denen, ich sei im KZ gewesen und ich könne nicht begreifen, dass sie die Nazis schützten. Da sagte einer der Polizisten, in Russland gäbe es auch KZs und außerdem sollte ich nach Hause gehen, sonst würde ich noch einen Herzinfarkt bekommen."
Erinnerungen der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano

Stand: 24.01.14 17:07 Uhr