KZ-Häftling Bejarano: Ich hatte großes Glück

KZ-Häftling Bejarano: Ich hatte großes Glück

von Oliver Diedrich, NDR.de

"Frech wie Oskar", nennt ihr Vater sie, als Esther Bejarano ein kleines Kind ist. Am 15. Dezember 2014 wurde Bejarano 90 - aber brav sein kann sie immer noch nicht. Als die Polizei in Hamburg Flüchtlinge aus Afrika kontrolliert, schimpft sie öffentlich, das sei "eine Schande für die Stadt". Und wenn irgendwo Neonazis aufmarschieren, wird Bejarano richtig laut: Sie singt mit einer Rap-Gruppe gegen die Rassisten an. Bejarano mischt sich ein, weil sie aus Erfahrung weiß, dass allzu viele Menschen lieber weg gucken. Als junge Frau hat sie Auschwitz überlebt. Danach ging sie nach Palästina. In den 60er-Jahren kehrte Bejarano nach Deutschland zurück. Damals merkte sie rasch, dass auch der Rechtsextremismus überlebt hatte. Seit Jahrzehnten engagiert sich Bejarano dafür, Auschwitz nicht zu vergessen. Sie ist eine vielfach ausgezeichnete Friedensaktivistin und bekam das Große Bundesverdienstkreuz.

Auschwitz und Ich

Esther Bejaranos Leben in Bildern

"Du wirst noch Schlimmeres erleben"

Bejarano wird als Esther Loewy am 15. Dezember 1924 im Saarland geboren. Ihre Mutter ist Jüdin, ihr Vater Halbjude und Kantor einer jüdischen Gemeinde. Esther ist die Jüngste von vier Geschwistern. In ihrem Buch "Erinnerungen" beschreibt sie ihre unbeschwerte Kindheit in einem musikalischen Elternhaus. Doch als Esther zehn Jahre alt ist, ändert sich ihre Welt: "Der Antisemitismus machte sich breit." Sie und ihre Geschwister und alle jüdischen Kinder dürfen plötzlich nicht mehr auf "arische" Schulen. Bejarano erzählt, wie die Repressionen zunehmen. Wie Freunde und Familienmitglieder ins Ausland fliehen vor der immer wilderen NS-"Rassenpolitik". Esther wird schließlich von ihren Eltern in ein Vorbereitungslager zur Auswanderung nach Palästina geschickt. Doch dazu kommt es nicht mehr. 1941 stecken die Nazis sie und andere Auswanderungswillige in Zwangsarbeiterlager. Bei einer Konfrontation mit Polizisten bricht die 16-jährige Esther in Tränen aus. "Hab dich nicht so, du wirst noch Schlimmeres erleben", sagt man ihr da.

Im Viehwaggon nach Auschwitz

Am 20. April 1943 steigt Esther in Auschwitz aus einem Viehwaggon. Sie erinnert sich, wie bei der Ankunft alle Kranken, Mütter mit kleinen Kindern, Schwangere und Ältere abgesondert werden. "Sie fuhren in die Gaskammern, was wir damals noch nicht wussten." Die anderen Gefangenen müssen sich vor den SS-Männern ausziehen und nackt die Haare scheren zu lassen. Dann wird ihnen eine Nummer auf den Arm tätowiert. "Ich bekam die 41948. Namen wurde abgeschafft, wir waren nur noch Nummern." Sie und ihre Mitgefangenen schlafen auf Brettern, ohne Stroh und ohne Decken. Sie erhalten wenig Essen, müssen Steine schleppen. "Sie waren so schwer, dass einige Frauen schlapp machten." SS-Wächter prügeln auf die Geschwächten ein. Esther ist zierlich und nur 1,48 Meter groß. "Ich glaube, wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, aus dieser Kolonne raus zu kommen, wäre ich elendig zugrunde gegangen."

Esther muss die Musik zum Sterben spielen

Doch Esther hat Glück. Sie wird gefragt, ob sie im Lagerorchester mitwirken möchte. Gesucht wird eine Akkordeonspielerin. Obwohl sie das Instrument gar nicht beherrscht, sagt sie zu. Es gelingt ihr, die richtigen Töne zu treffen. Das ist ihre Rettung. Zwar ist die Verpflegung für die Orchestermitglieder genauso karg wie für alle anderen, doch die schwere, tödliche Arbeit in den Außenlagern von Auschwitz bleibt ihnen erspart. "Täglich sahen wir abgemagerte Leichen auf den Straßen liegen. Wir sahen tote Frauen am Stacheldraht hängend. Frauen, die aus ihrer Verzweiflung an den geladenen Zaun liefen, um ihrem Leben ein Ende zu machen." Das Orchester spielt, wenn die anderen zur Arbeit abmarschieren. Bejarano erzählt auch, wie sie am Tor stehen und Musik machen mussten, wenn neue Opfer für die Gaskammern angeliefert wurden. "Als die Menschen die Musik hörten, dachten sie sicher, wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein."

Doch das Akkordeon ist die Rettung

Esther erkrankt an Typhus. Mit hohem Fieber kommt sie ins Lazarett. Wie alle jüdischen Häftlinge bekommt sie keine Medikamente. Sie ist dem Tode nah. Doch offenbar rettet sie ihre Bedeutung für das Orchester: Ein wichtiger SS-Mann sorgt dafür, dass Esther doch Medizin erhält und gesund gepflegt wird. Ihr Fürsprecher ist Otto Moll, der in Auschwitz-Birkenau die Gaskammern und Krematorien leitet. Ausgerechnet der gefürchtete Sadist Moll fühlt sich für die Musik im Lager verantwortlich. Ein Mann, der Gefangene von seinen Hunden zerfleischen lässt und Kinder bei lebendigem Leib verbrennt.

Nach einigen Wochen spielt Esther wieder im Orchester mit, wenn andere Gefangene zum Sterben abgeführt werden. Als eine bessere Akkordeonistin auftaucht, übernimmt sie die Blockflöte. Doch dann bekommt sie Keuchhusten und kann vorerst nicht mehr spielen. Moll sorgt dafür, dass sie eine Zeit lang nicht bei den Proben mitmachen muss. "Was ihn dazu bewegt hat, weiß ich nicht."

Genug "arisches Blut" um leben zu dürfen?

"Ich habe viel Glück in meinem Leben gehabt, ein ganz großes Glück, ein unheimliches Glück", sagt Bejarano Jahrzehnte später. Eines Morgens werden die Gefangenen, die "arisches Blut in ihren Adern" haben, aufgefordert sich zu melden. Sie sollen verlegt werden. Esther hat eine christliche Großmutter. Es sei ihr schwer gefallen, ihre Mithäftlinge zu verlassen, doch: "Meine Freundinnen meinten, ich hätte geradezu die Pflicht zu versuchen herauszukommen, damit ich erzählen könnte, was für schreckliche Verbrechen an uns begangen wurden." Esther wird mit 70 weiteren Frauen ins KZ im brandenburgischen Ravensbrück gebracht. Dort muss sie für die Siemens-Werke arbeiten. Als sich im April 1945 die Sowjettruppen nähern, zwingen die Nazis die Insassen zum "Todesmarsch" ins mecklenburgische Malchow. Esther überlebt. In den Wirren der letzten Kriegstage kann sie entkommen. Sie wird von US-Soldaten gerettet. Diese hätten ihr sogar ein Akkordeon geschenkt. In ihren Erinnerungen beschreibt Bejarano, wie die Sieger auf einem Marktplatz ein großes Porträt von Adolf Hitler anzünden. "Die Soldaten und die Mädchen aus dem KZ tanzten um das Bild herum, und ich spielte Akkordeon."

Nach 15 Jahren Israel Rückkehr nach Deutschland

Esther Bejarano Mitte der 1960er-Jahre in ihrer Wäscherei in Hamburg. © "Esther Bejarano: Erinnerungen", Laika Verlag, Hamburg

In Hamburg eröffnet Esther Bejarano Anfang der 1960er-Jahre eine Wäscherei.

Erst nach dem Krieg erfährt Esther, dass ihre Eltern und ihre Schwester Ruth umgebracht wurden. Sie verbringt die nächsten 15 Jahre in Israel, macht eine Ausbildung als Sängerin. Sie heiratet Nissim Bejarano und bekommt zwei Kinder. Ihr Mann ist Kommunist und kommt mit den politischen Verhältnissen immer weniger zurecht. Esther erträgt die Hitze in Israel nicht. 1960 beschließen sie, das Land zu verlassen. Trotz vieler Zweifel entscheiden sie sich, nach Deutschland zu gehen. Sie ziehen nach Hamburg, weil sie von Freunden hören, dass die Stadt schön sei und die Menschen gut. Sie eröffnen eine kleine Wäscherei. Nissim arbeitet zusätzlich in einem Hähnchengrill auf der Reeperbahn, später eröffnet er im Umland eine Diskothek. Doch sie müssen den Laden in Uetersen wieder schließen, laut Bejarano werden sie von antisemitischen Einwohnern vertrieben. Zurück in Hamburg geht es aufwärts. Esther eröffnet eine Boutique, ihr Mann wird Feinmechaniker, ihr Sohn Versicherungskaufmann, ihre Tochter Sängerin.

Die Vergangenheit holt sie ein

In den 70er-Jahren holt ihre Vergangenheit sie wieder ein. Bejarano erzählt, wie in der Nähe ihres Ladens Mitglieder der rechtsextremen NPD einen Infostand aufbauen. Sie muss mit ansehen, wie die Polizei gewaltsam gegen Menschen vorgeht, die gegen die Neonazis protestieren. "Jetzt wusste ich, dass ich anfangen musste, antifaschistische Arbeit zu machen."

Seitdem ist Esther Bejarano auf Hunderten Veranstaltungen gegen Rechtsextremismus gewesen. Sie erzählt in Schulen von ihrer Zeit in Auschwitz. Sie protestiert auf Demos gegen Neonazis. Sie übernimmt den Vorsitz des deutschen Auschwitz-Komitees. Sie ergreift das Wort für Lampedusa-Flüchtlinge und singt mit ihrer Band Microphone Mafia auf Konzerten gegen Rechts. Über ihr Leben schreibt sie gemeinsam mit anderen Autorinnen zwei Bücher. Obwohl sie hier lebt, sei Deutschland nie wieder ihre Heimat geworden, sagt Bejarano: "Weil noch zu viele Nazis hier herumlaufen, die mich an das Vergangene erinnern."

Eine Jüdin in Deutschland - 30 Jahre nach Auschwitz

"Ich sah, wie Neonazis ihre Flugblätter verteilten, wie sie auf Gegner einschlugen. Ich sah, wie die Polizisten daraufhin die Antifaschisten verhafteten. Das war zu viel für mich. Die Polizisten schützten die Nazis. Ich sagte denen, ich sei im KZ gewesen und ich könne nicht begreifen, dass sie die Nazis schützten. Da sagte einer der Polizisten, in Russland gäbe es auch KZs und außerdem sollte ich nach Hause gehen, sonst würde ich noch einen Herzinfarkt bekommen."
Erinnerungen der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | 7 Tage | 28.01.2015 | 00:00 Uhr

Stand: 26.01.15 18:24 Uhr