Rudolf Höß: Lagerkommandant in Auschwitz

Rudolf Höß: Lagerkommandant in Auschwitz

von Oliver Diedrich, NDR.de

Rudolf Höß (Ausschnitt aus einer Aufnahme von 1944, die mehrere SS-Offiziere in ihrer Freizeit in der Nähe von Auschwitz zeigt) © picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Rudolf Höß soll in Auschwitz soviele Juden wie möglich "vernichten".

SS-Hauptsturmführer Rudolf Höß ist 39 Jahre alt, als er 1940 den Auftrag erhält, im besetzten Polen ein Konzentrationslager aufzubauen. Politische Häftlinge sollen im KZ Auschwitz Zwangsarbeit in eigens errichteten Industriebetrieben und in der Landwirtschaft verrichten. Lagerkommandant Höß erweist sich als effizienter Organisator. Ständig muss er das KZ erweitern, denn Hitlers Truppen schicken schon bald auch Tausende Kriegsgefangene aus Russland. Und immer mehr Juden - Zehntausende, Hunderttausende: Täglich rollen in Auschwitz Züge an mit Deportierten aus ganz Europa.

Im Lager sterben die Insassen durch Hunger, Krankheiten und Zwangsarbeit. Doch die meisten werden direkt nach der Ankunft vergast. SS-Chef Heinrich Himmler hat Höß inzwischen eine neue Direktive erteilt: Soviele Juden wie möglich zu "vernichten", um zur "Endlösung der Judenfrage" beizutragen. Bis Anfang 1945 sterben mindestens 1,1 Millionen Menschen in Auschwitz und den dazu gehörenden Außenlagern.

Als die russische Armee Ende Januar 1945 zur Befreiung kommt, ist die SS längst geflohen. Höß taucht unter falschem Namen unter. Doch am 11. März 1946 spüren ihn britische Militärpolizisten in der Nähe von Flensburg auf. Der frühere Auschwitz-Kommandant muss als Zeuge bei den Nürnberger Prozessen aussagen und kommt anschließend in Polen vor Gericht. Höß wird zum Tode verurteilt und in Auschwitz erhängt.

Keine Zweifel an Authentizität der Aufzeichnungen Höß'

Doch vorher schreibt Höß im Gefängnis ausführlich über sein Leben und seine Zeit in Auschwitz. Seine Schilderungen sind detailreich und hinterlassen oft den Eindruck einer Beichte, wenn auch in meist nüchternem, manchmal zynisch anmutendem Ton. Höß schreibt über die desolate Hygiene- und Versorgungslage im Lager, den brutalen Umgang mit Häftlingen, über Folter- und Hinrichtungsmethoden, über die systematische Ermordung russischer Kriegsgefangener und über den Holocaust in den Gaskammern. Historiker bezweifeln den Wahrheitsgehalt seiner Aufzeichnungen nicht, abgesehen von Einzelheiten und der von ihm zu hoch eingeschätzten Opferzahl. Auch die Annahme, Höß' Geständnisse seien in der Haft erzwungen oder gefälscht worden, erscheint aufgrund des Schreibstils und des Detailreichtums als abwegig.

Vom jungen Frontkämpfer über die Artamanen zur SS

Höß wird 1900 in Baden-Baden geboren. Sein Vater, ein Offizier im Ruhestand und "fanatischer Katholik", stirbt, als Rudolf 14 Jahre alt ist. Der Vater hatte gewollt, dass Rudolf Priester wird, diesem Wunsch versucht der junge Höß zu entkommen: Mit 15 meldet Rudolf sich freiwillig zum Frontdienst im Ersten Weltkrieg und wird mit 17 Jahren jüngster Unteroffizier der deutschen Armee. Nach dem Krieg schließt sich Höß einem ultra-rechten Freikorps an und tritt der NSDAP bei. Wegen des Mordes an einem angeblichen Freikorps-Verräter 1923 kommt Höß ins Gefängnis, wird aber 1928 vorzeitig entlassen, als die Rechten im Reichstag erstarken. Höß schließt sich den "Artamanen" an, einer völkisch-nationalen Siedlungsbewegung, und gründet eine Familie. 1934 holt ihn Heinrich Himmler, der ihn von den Artamanen kennt, in die SS. In den KZs Dachau und Sachsenhausen, wo die Nationalsozialisten politische Gegner einsperren, verdient sich Höß erste Sporen. Seine Vorgesetzten halten ihn offenbar für sehr geeignet als KZ-Chef: In Auschwitz soll Höß seine Fähigkeiten als Logistiker und Organisator unter Beweis stellen.

Überzeugter Nationalsozialist

Buch-Tipp:

Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Hrsg.): "Auschwitz in den Augen der SS. Rudolf Höß, Pery Broad, Johann Paul Kremer", Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim 2011.

Viele Sätze in Höß' Autobiographie enthalten die Worte: "Ich musste ..." Er betont sein Pflichtbewusstsein und seine persönliche "Moral" und dass er "verbrecherische und sadistische" Aufseher in Auschwitz verabscheut habe. Doch zugleich räumt er ein, dass es diese gab - und dass er als Lagerkommandant dafür die Verantwortung zu tragen habe. Seinen Auftrag zum Massenmord hinterfragt er an keinem Punkt gegenüber seinen Vorgesetzten. Schließlich habe "für uns alle der Führer-Befefehl unverrückbar" festgestanden. Höß ist überzeugter Nationalsozialist und Antisemit, auch nach dem Krieg noch. Er schreibt allerdings, er habe Zweifel an der "Endlösung" gehegt, aber sie nicht zeigen dürfen. Dabei reklamiert er für sich selbst ein Art Opferrolle: Denn von ihm als Kommandanten sei ganz besondere Härte erwartet worden und er "musste kalt zusehen wie die Mütter mit den Kindern in die Gaskammer gingen."

Höß' Kinder tragen Wäsche vergaster Häftlinge

Höß lebt in Auschwitz mit seiner Familie in einer Villa ein paar Meter vor dem elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun des KZs. Es ist Krieg - auch bei der SS muss man sehen, wo man bleibt: Auf Höß' Esstisch stehen Speisen, die von den ankommenden Gefangenen konfisziert wurden. Seine Kinder tragen die desinfizierte Wäsche von jüdischen Kindern, die Höß in Auschwitz töten lässt. Bei anderen SS-Leuten kritisiert Höß solche persönliche Bereicherung. Mit einer Gefangenen hat der Kommandant sogar eine Affäre - als die Frau schwanger wird, lässt Höß sie in eine Hungerzelle werfen.

Auschwitz-Überlebender: "Höß stand zu alledem"

Der Auschwitz-Überlebende Józef Paczyński lehnt an einer Mauer © NDR.de Foto: Christian Spielmann

Józef Paczyński musste als KZ-Häftling dem Lagerkommandanten Rudolf Höß die Haare schneiden.

"Höß war ein ganz normaler Mensch. Er machte den Eindruck eines ehrlichen, ruhigen, eher schweigsamen Menschen, er schlug niemanden." So erinnert sich der Auschwitz-Überlebende Józef Paczyński Ende 2014 im Gespräch mit NDR.de an den Lagerkommandanten. Paczyński war 1940 als einer der ersten Gefangenen nach Auschwitz verschleppt worden und musste bis Anfang 1945 als politischer Häftling im Lager bleiben. Der Pole wurde damals Höß' Friseur. Paczyński sagt, er habe furchtbare Angst gehabt, bei der Arbeit einen Fehler zu machen und Höß zu verärgern. "Meine Hände und Beine zitterten, aber ich musste meine Pflichten ausführen." Paczyński kommt dem Kommandanten damals regelmäßig so nahe, dass er ihn theoretisch hätte töten können: "Aber ich war mir bewusst, welche Konsequenzen dann kommen würden. Zuerst würde ich umgebracht, dann meine ganze Familie und dann bestimmt noch die Hälfte der Lagerhäftlinge. Und an seine Stelle würde ein anderer kommen, bestimmt." Höß habe zu alldem gestanden, was er tat, ist Paczyński überzeugt. "Er rühmte sich selbst, jeder Nationalsozialist würde dasselbe machen, was er gemacht hatte."

Als Höß 1947 als Kriegsverbrecher hingerichtet wird, geschieht dies auf dem Gelände des früheren Stammlagers in Auschwitz. Der Galgen ist noch heute in der KZ-Gedenkstätte zu sehen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | 7 Tage | 28.01.2015 | 00:00 Uhr

Stand: 08.01.15 10:48 Uhr