Ihre Meinung: Auschwitz und Ich

Ihre Meinung: Auschwitz und Ich

Auschwitz frisst sich durchs Unterbewusstein!

Wer einmal in Auschwitz war, bekommt es nie wieder aus sich heraus. So ergeht es mir jedenfalls, und ich denke die, die selbst da waren, können dies nachvollziehen.
Ich war im Dezember 2001 im Alter von 16 Jahren im Rahmen eines Schulprojektes dort. Wir machten eine Führung durch ein fast menschenleeres KZ. Es war kalt und es lag gefrorener Schnee. Aber vielleicht gerade weil es so leer war, hatte dieser Ort diese ganz spezielle Atmosphäre, die spürbar auf mich und meine Mitschüler einwirkte, als wir durch das Eingangstor gingen.
Ich versuchte zu verstehen, dass all die aufbewahrten persönlichen Dinge, die Koffer, die Schuhe, Prothesen und vor allem diese Massen an Haaren einmal Menschen gehörten. Menschen, die einen Koffer packten und nicht ahnten, dass sie ihn nie brauchen werden. Menschen, die nicht ahnten, dass sie eine Zugfahrt ohne Rückkehr erwartet. Menschen, die vergast, gehängt, erschossen, oder einfach zu Tode gehungert wurden.
Damals war mir, als würden all die Opfer noch dort sein und uns beobachten. Es war, als würden sie in der Gaskammer neben einem stehen. Alles in Auschwitz wirkt beklemmend. Es lässt den wohl dunkelsten Teil in unserer Geschichte zum Greifen nah erscheinen.
Die ersten Jahre nachdem ich im KZ Ausschwitz war, habe ich es beinahe wieder vergessen, vielleicht auch verdrängt. Aber etwa 11 Jahre später hatte ich plötzlich alles wieder vor Augen. Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht daran denken muss. Auschwitz frisst sich durchs Unterbewusstein! Jahre später bin ich mir sicher: Wir waren damals nicht allein dort!
Heute ist es nicht mehr schwer aus Auschwitz herauszukommen, man geht einfach durch das Tor und ist draußen. Aber Auschwitz aus sich zu bekommen, ist sehr schwer, wenn nicht unmöglich. Ich habe es nie versucht, denn es ist eine wertvolle Erinnerung. Eine, die das Leben prägt. Auschwitz ist ein Teil von mir geworden, in seiner heutigen Funktion, als Mahnmal und Warnung.
Sabrina Hardt, Gelsenkirchen

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | 7 Tage | 28.01.2015 | 00:00 Uhr

Stand: 27.01.15 15:44 Uhr