Ihre Meinung: Auschwitz und Ich

Ihre Meinung: Auschwitz und Ich

Nur in Auschwitz ist mir die Dimension des Verbrechens bewusst geworden

Wenn ich an Auschwitz denke, das heutige "Museum", die Gedenkstätte, kommen sofort Bilder hoch und das Bedürfnis zu weinen. Im Sommer 1998 war ich dort , 31 Jahr jung, ein Tag während einer polnischen Urlaubsreise. Zunächst habe ich die Gedenkstätte, historisch interessiert wie ich bin, nur mit dem Intellekt wahrgenommen. Es ergaben sich interessante Gespräche während der Führung und anregende Diskussionen mit meinen Freunden im Nachhinein. Eine Woche später, zurück in Deutschland, kamen die Albträume. An den Inhalt kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich weiß, dass die Bilder und die Gefühle von Angst vor Gewalt und Brutalität direkt auf Auschwitz hindeuteten.
Was hat mich so intensiv beeindruckt? Nicht die Baracken, die Gasöfen, die verbalen Berichte über Grausamkeiten, Zahlen von Toten. Nein es waren die realen Gegenstände, die Spuren der Menschen, die dort ermordet worden sind. Die Vitrine mit Frauenhaar, die Koffer, auf denen teilweise Namen standen, die landwirtschaftlichen Geräte, die Berge von Schuhen, Kinderspielzeug und vor allem die Wand mit den Passfotos. Einzelfotos von Menschen in Häftlingskleidung, Gesichter.
Noch heute, 17 Jahre später, wenn ich eine Dokumentation zur Gedenkstätte sehe und die Wand mit den Fotos erkenne, kommen heftige Emotionen. Trauer und Angst und dann Wut - Wut auf diejenigen, die Auschwitz leugnen oder verharmlosen wollen.
Ich war zweimal in Dachau, habe viel zum Thema gelesen, Dokumentationen gesehen, mich mit meinen Großeltern auseinandergesetzt und auf diesem Wege versucht, mich dem Holocaust und dem Dritte Reich intellektuell zu nähern. Doch nur in Auschwitz ist mir die Dimension des Verbrechens - wenn überhaupt möglich - ansatzweise bewusst geworden. Die Gefühle haben verstanden, was der Geist nicht fassen konnte.
Ich wünsche den Betreibern der Gedenkstätte, dass sie weiterhin möglichst viel moralische, intellektuelle und finanzielle Unterstützung für ihre wertvolle Arbeit erfahren.
Peter Keßler, München

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | 7 Tage | 28.01.2015 | 00:00 Uhr

Stand: 27.01.15 15:44 Uhr