Auschwitz Überlebender - imago images / Beata Zawrzel
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Überleben nach Auschwitz

Wenn am 27. Januar 2020 der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau begangen wird, können nur noch wenige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von ihrem Schicksal berichten.

Umso wichtiger ist es, ihre Geschichten zu hören und ihre Erinnerungen für kommende Generationen zu bewahren. Julia Riedhammer und Christine Thalmann haben Überlebende und Zeitzeugen in Polen, Frankreich, Israel und Berlin getroffen und mit ihnen über ihre Erlebnisse gesprochen.

… es war dieser Kuss, der mich während der Deportation und allem was dann kam gestärkt hat. Und der mich 74 Jahre lang mit meiner Frau zusammen leben ließ.

Von diesem Moment an hatten wir keine Geschichte. Keine Herkunft. Keine Namen. Wir waren einfach Nummern. So wie alle anderen Gefangenen.

Es gibt immer irgendwelche Entschuldigungen. Aber die Frage ist: Habe ich das getan, was ich tun konnte? Habe ich es wenigstens versucht?

Da kamen dann die Mädchen in die Schule und weinten bitterlich. In der Nacht hatte man ihren Vater abgeholt. Und dann hat die Lehrerin keine Stunde gegeben, sondern sie erst einmal getröstet. Alle haben wir dieses Mädchen getröstet.

Meine Freundinnen und Freunde von einst leben nicht mehr, sie sind umgebracht worden. Sie können nicht mehr sprechen. Ich bin ihr Sprecher und erzähle, wer sie waren und was für Menschen sie gewesen sind.

Die waren doch Menschen, die Mütter haben sie geboren. Sie waren doch Menschen! Wie sind sie solche Unmenschen geworden?

Nach einigen Tagen hat man gefragt: Ist hier jemand, der ein Instrument spielt? Und da habe ich gedacht, was, ist das ein Witz oder was? Und da haben die gesagt, ja, ein Orchester wurde hier gegründet zum Aus- und Einmarsch.

Oswiecim ehemaliges KZ und Vernichtungslager der Deutschen in Polen Archiv 1988 Auschwitz - Birkenau - imago images / Jürgen Ritter
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Erinnern, aber wie? Die letzten Zeugnisse von Auschwitz

 

Die Wenigen, die überlebt haben, werden bald nicht mehr berichten können. In Auschwitz haben die Deutschen über eine Million Menschen ermordet. Geblieben sind nur die Habseligkeiten der Opfer, ihre Koffer, Schuhe, Brillen, Kleider, Haare, Briefe.

Diese stummen Beweise des Holocaust drohen nach einem dreiviertel Jahrhundert zu zerfallen. Gleichzeitig boomt der Auschwitztourismus, vor den Baracken mit dem Hab und Gut der Opfer bilden sich täglich lange Warteschlangen. Was können die letzten Dinge erzählen über jene Opfer, an die nicht einmal ihre Namen erinnern sollten?

Diese Frage führt Maria Ossowski schließlich nach Israel, wo die 93-jährige Bath Dagan über ihre Arbeit als Sortiererin in der sogenannten "Kanadabaracke" von Auschwitz erzählt.

Tadeusz Borowski; Foto: © Malgorzata Borowski

Bei uns in Auschwitz

Der polnische Schriftseller Tadeusz Borowski wurde 1943 nach Auschwitz deportiert. In den Briefen an seine Freundin Maria im Frauenlager Birkenau berichtet Tadeusz vom Blick aus dem Fenster, von dem aus man das "Kremo" nicht sieht, von Boxkämpfen und Orchesterkonzerten, vom Kampf um die Habseligkeiten der neu angekommenen Häftlinge, vom Lagerbordell und Tauschhandel.

Seine Schilderungen des Alltags im Konzentrationslager sind bis heute ein erschütterndes Zeugnis.  

Eingangstor zur Gedenkstätte des ehemaligen KZ Auschwitz © imago/Ulli Winkler
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Geschichten vom Überleben

"Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch!" schrieb Theodor Adorno fünf Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz.

Der Autor Marc O. Dreher geht in die Wohnzimmer der Holocaust-Zeitzeugen Georg Heller, Anna Helen, Henry Rotmensch und Salo Wolf. Dort führt er mit Ihnen persönliche Gespräche über deren unglaubliche Wege in die Konzentrationslager, über die Zeit und das Überleben dort. Und wie sie in Deutschland nach der Befreiung wieder in eine Normalität des Lebens finden konnten.